
Gastbeitrag
Unser heutiger Gast-Autor heißt Hubert Ehrenreich und befasst sich in seinem Beitrag über den sehr gerne und allzuoft verwendeten Begriff "Problem".
Anatomie eines Problems
"Um den Wert eines Ergebnisses zu verstehen, muss man die zuvor gelösten Probleme kennen." (H.E.)
Nicht jedes Hindernis, jede Schwierigkeit oder Herausforderung ist tatsächlich ein Problem.
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff inflationär verwendet: Fast jede Unannehmlichkeit wird gedankenlos sofort als "Problem" bezeichnet.
Ist das Wetter schlecht, haben wir ein Problem.
Funktioniert eine Maschine nicht, haben wir ein Problem.
Reicht das Geld gerade nicht, haben wir ein Problem.
Diese Beispiele mögen ärgerlich, unangenehm oder belastend sein – doch in der ursprünglichen, grundlegenden Bedeutung des Wortes sind sie keine Probleme. Und diese Unterscheidung ist nicht nebensächlich, sondern wesentlich.
Die entscheidende Unterscheidung
Ein echtes Problem hat immer mit einem selbst zu tun!
Es betrifft niemals nur äußere Umstände, sondern immer den Menschen, der es "hat". Ein Problem lässt sich klar abgrenzen: Es besteht aus zwei entgegengesetzten, gleichwertigen Ideen oder Absichten, die beide zu uns gehören.
Aber das eigentliche Problem entsteht nicht durch diese Gegensätze – sondern dadurch, dass keine Entscheidung möglich erscheint. Man bleibt innerlich in einem "Vielleicht" stecken. "Vielleicht sollte ich endlich weggehen, aber vielleicht ist es doch besser, wenn ich noch bleibe." Also eine sogenannte 'Pattsituation' wo weder das eine noch das andere passiert. Und das bleibt so lange bestehen, so lange ein "Problem", bis eine klare Entscheidung gefällt wird.
Das echte Problem ist also kein äußeres Hindernis, sondern ein innerer Konflikt:
Ein Spannungsfeld zwischen zwei Polen, die beide ihre Berechtigung haben und dennoch nicht gleichzeitig gelebt werden können.
Ursprung und Bedeutung des Wortes
Das Wort Problem stammt aus dem Griechischen próblēma und bedeutet sinngemäß "das Vorgelegte".
Es setzt sich zusammen aus: "pro" – vor, voraus, und "bállein" – werfen.
Ein Problem ist somit etwas, das uns vorgelegt oder vorangestellt wird – ein Hinweis auf einen Punkt, an dem Entwicklung ansteht. Bleibt ein Problem ungelöst, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder erscheinen – oft in veränderter Form, aber mit demselben inneren Kern.
Es ist somit auch als ein Hinweis zu sehen, dass man sich (ernsthaft) mit sich selbst befassen sollte.
"Pro" bedeutet zugleich auch "für". Ein Problem ist also für einen selbst bestimmt. Wäre es gegen uns gerichtet, müsste es "anti" oder "kontra" heißen – dann wäre es kein persönliches Problem, sondern ein äußerer Widerstand wie zB eine Hürde, Schwierigkeit, Vorschrift, Ärgernis, Herausforderung usw.
Auf derlei Unterscheidungen lege ich durchaus wert, da allein schon deshalb eine andere Sichtweise auf ein "Problem" entsteht und dadurch nahezu automatisch sich Lösungsmöglichkeiten zeigen.
(Hubert Ehrenreich; dies ist nur ein Auszug aus einer umfangreicheren Abhandlung über dieses Thema, das derzeit in Buchform verfasst wird ©.)d ©.)
Mehr über den Gastautor
Hubert Ehrenreich begleitet Menschen, die sich in wichtigen Lebens- oder Berufsfragen befinden und zu einer klaren eigenen Position finden möchten. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Differenzieren: Tatsachen, Interpretationen, Erwartungen und vermeintliche Lösungen so auseinanderzuhalten, dass der eigentliche Kern sichtbar wird. Unter dem Leitgedanken "Hinwendung zur Essenz" verbindet er jahrzehntelange journalistische, konzeptionelle und unternehmerische Erfahrung mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Menschen. Ziel seiner Begleitung ist Klarheit, aus der eigenes, konkretes Handeln entstehen kann.

